[Meine Arbeit] Mein Lehrerleben

25. Februar 2019

Alles in meiner Wohnung erzählt eine Geschichte. Diese Blumen auch. Sie erzählen eine Episode aus meinem Lehrerleben. Wie, Lehrerleben, wirst du dich nun vielleicht fragen, denn du kennst mich ja als Muse. Nun, vor 2 Jahren habe ich die Entscheidung getroffen auch wieder mit sehr jungen Menschen arbeiten zu wollen. Auch weil Kinder noch sehr nah an ihrer Intuition sind und der Kanal noch nicht so "verbaut" ist, wie bei Erwachsenen.

Ich meldete mich bei einigen Schulen, in der Hoffnung es würde sich eine für den Bereich der Persönlichkeitsentwicklung besonders interessieren können und siehe da, ich fand direkt, wonach ich gesucht hatte. Auf Basis meines künstlerischen Studiums der digitalen Medien und der Philosophie konnte ich einen Quereinstieg in den Schuldienst machen, um nicht nur in schulischen Workshops, sondern tatsächlich als Lehrerin für Philosophie und Kunst wirken zu können. Da die Hälfte meiner Familie aus Lehrern besteht, habe ich schon oft gespürt, dass es mir auf so vielen Ebenen Freude bereitet etwas weiterzugeben. Jedoch ist es nicht die Wissensvermittlung, die mich reizt. Das Wissen können wir uns überall selbst aneignen. Immer mehr zieht sich die menschliche Begleitung, die Kinder und Jugendliche benötigen - als Anker, als Motivation, als Beflügelung. Der Beruf des Lehrers verändert sich dabei aus meiner Sicht gar nicht, sondern streift langsam das enge Korsett der letzten Jahrhunderte ab, damit Lehrer wieder das sein können, was sie in ihrem Ursprung waren: Mentoren.

Mit den Kindern erörtere ich im Philosophieunterricht oft das Thema Schule in Bezug auf ihre europäischen Wurzeln im antiken Griechenland. Hast du gewusst, dass man damals bei einem Menschen in die Lehre ging, den man als weise betrachtete und dass man sich zu dieser Lehre freiwillig meldete und sie auch selbstständig zahlte? Dieser Philosoph, dein Mentor, lehrte dich dann alles, was er wusste und verfolgte damit immer zwei Ziele: (1) Dir die Welt als ein großes Ganzes aufzuzeigen, dir die Vernetzung zwischen allen Dingen der Welt begreifbar zu machen und (2) dich zu befähigen deinen Verstand und dein Gefühl einzusetzen, um zu einem eigenständigen Erkenntnisgewinn zu gelangen, mit dem du wiederum deine Schüler bereichern könntest. Dabei war völlig klar, dass ein Schüler eines Tages ein Lehrer werden würde, auf seine eigene Weise, ob als Inspirator, Visionär, Berater oder Macher.

An dieser Stelle fällt mir eine schöne Parallele zur Hip Hop Kultur auf, die einen ihrer Grundsätze "Each one teach one" nennt. In dieser Subkultur ist es üblich, dass jeder Schüler einer Disziplin (Rap, Ding, Beatbox, Breakdance, Graffiti) in Dankbarkeit und Anerkennung gegenüber dem Einsatz seines Lehrers sein Wissen an den nächsten Schüler weitergibt und sich dadurch auf natürliche Weise zum Lehrer weiterentwickelt.

Auch bestand die Schule im Alten Griechenland nicht in einem Gebäude, in welchem Zeit in viereckigen brandgesicherten kahlen Räumen abgesessen wurde, sondern die Anfänge des Unterrichtens lagen im Spaziergang an der frischen Luft. Völlig selbsterklärend! Sauerstoff und Bewegung beleben Körper und Geist. Die Natur erdet und die vielen Eindrücke hinterlassen Abdrücke, die uns als Inspirationen dienen.

Was für ein Unterschied die Ursprünge von Schule waren zu unserer modernen Gesellschaft der Zwangsbeschulung, in der sich weder Lehrer noch Schüler wohl fühlen. Die meisten Lehrer freuen sich zu Tagesbeginn schon auf den Feierabend, wenn nicht sogar direkt auf die Rente! Sogar ich kann mich an vielen Tagen nicht davon freisprechen, obwohl die Schule meine Herzensentscheidung war und immer noch ist. Doch man merkt, wie man in der festen Taklung des Tages gefangen ist und wie der selbstgemachte Druck des Systems am Menschen nagt.

Und wofür? Für eine höhere Bildung als sie den Schülern der antike zuteil wurde? Eine breitere Bildung? Wohl kaum. Vielleicht für die Bildung der Massen, in einem wahnsinnigen Versuch alle der Bündelung wegen über einen Kamm zu scheren. Wir unterrichten Schüler als seine sie eine Tabula Rasa, die nur gefüllt werden müsse, als brächten sie keine eigene Persönlichkeit und keine Innere Anlage oder vielleicht sogar Bestimmung mit sich. Vor allem unterrichten wir sie als seien sie alle die gleichen unbeschriebene Blätter, von denen sich einige nur leichter beschreiben lassen (vorbildlich) und andere sich grundlos und damit scheinbar bösartig verweigern. Dass es in diese System an vielem krankt, ist nicht neu. Auch nicht, dass vielen Schülern heute mehr mit einem psychologisch geschulten Mentor geholfen wäre als mit einem Lehrbuchprediger.

Lehrer und Schüler, so bemüht sie auch sind, können doch nur schwer das Gefühl des Gefangenseins im System abschütteln. Ein System, in dem selbst die Pinkelpause minutengenau abgestimmt sein muss, im überfüllten lauten Lehrerzimmer mit winzigen Plätzen und so vielen Gesprächen in der Pausenzeit, dass keine Zeit für das Frühstücksbrot bleibt und in der psychologisches Verhalten abverlangt wird, das vorher nie erlernt wurde. Und die Schüler sehnen sich auch nach dem Schulschluss, vor allem dem endgültigen!

Aber wenn ich sie ansehe, sehe ich so viel Potential, so viel Lebensfreude, die freizulegen ist und so viel Selbsterkenntnis, die noch zu erarbeiten ist. Schüler sind auf dem Weg in die Welt. Schüler sind die nächste Generation. Die Schüler von heute und morgen können werden die Welt prägen. Es ist nur die Frage, wie wir sie darauf vorbereiten. Machen wir ihnen klar, zu was sie fähig sind oder versuchen wir sie mit unserer eigenen Weltsicht und vielleicht oftmals pessimistischen Weltanschauung lieber vorsorglich klein zu halten und sie auf die Härten des Lebens vorzubereiten. Befähigen wir sie dazu alles schaffen zu können oder begrenzen wir diese Weite für sie von vorn herein? Und spiegeln wir ihnen damit ihr tatsächliche Potential oder ist unser Lehrerverhalten vielleicht nur Ausdruck unseres eingeschränkten Horizonts, der ja auch innerhalb der sehr kleinen Realität der Schulblase hängen bleibt?

Ich habe mich dazu entschieden den Schülern freien Raum zu lassen. Ich gebe ihnen mit, was ich kann, aber ich werde ihnen nicht vorgeben, wer sie werden können. Sollen sie zu sich finden, sie selbst sein und schauen, was das Leben auf dieser Basis bereit hält! Und sollen sie sich bereit machen zum Guten in der Welt beizutragen und ihre Köpfe dazu nutzen herauszufinden, wie das funktionieren kann. Ich vertraue auf ihre Stärke, ihr Herz und den kleinen Teil, den ich ihnen mitgeben durfte.

Mittlerweile bin ich Klassenlehrerin geworden und begegne an einer großen Schule täglich ca. 900 Schülern, von denen ich ca. 250 im Unterricht habe. Was war das für eine Umstellung von der beschaulichen 1zu1-Arbeit mit Erwachsenen, die, wenn auch auf musische Weise, den Spaziergängen der Griechen ähnelte, auf die Lehrtätigkeit im Klassenraum. Darüber allein könnte ich Bücher schreiben. Eine anstrenge und fantastische Erfahrung, für die ich sehr dankbar bin und die mich hat wachsen lassen. Ich finde nun natürlich weniger Zeit als vorher für die Arbeit mit Erwachsenen, doch noch genug und könnte nicht zufriedener sein mit diesem Schritt!

Gestern habe ich mich dann mit diesem Blumenstrauß beschenkt für eine anstrengende, aber erfolgreiche 5er Klassenfahrt, an deren Ende ich das niedlichste Erlebnis hatte:

Ein Junge kam zu mir und sagte: „Frau Höltkemeier, das ist für Sie.“ Und er hält einen klein gefalteten 5 Euro Schein in der Hand. Ich so: „Warum möchtest du mir das geben?“ Und er so: „Das ist Trinkgeld. Hier, für Sie.“ und ich schaue ihn ganz überrascht mit großen Augen an und er faltet den Schein noch mal auseinander und hält ihn ins Licht. „Schauen Sie, der Schein ist sogar echt! Hier, bitte!“

Logischerweise durfte ich das nicht annehmen, aber ich habe den lieben Gedanken mitgenommen und damit gestern auf dem Markt vor den Blumen gestanden. Ich weiß nicht, ob die Aktion überhaupt etwas mit mir zu tun hatte oder ob er einfach gemerkt hat, dass die Klassenfahrt für alle Lehrer sehr anstrengend war. Und da die Kinder in der Woche nichts kaufen konnten, hatten sie am Ende so viel Taschengeld übrig.

Aber dieses Erlebnis werde ich nie vergessen. Ein anderes schönes Erlebnis hatte ich bei einem Meditationsangebot am Abend. Da habe ich die Kinder gefragt, warum sie dieses Angebot gewählt haben und ein Mädchen sagte „Frau Höltkemeier, ich hab ja einmal die Woche bei Ihnen Philosophie. Da haben wir auch schon mal meditiert, deshalb weiß ich ja, was das ist. Und weil wir jetzt auf Klassenfahrt sind, fällt Philosophie ja aus. Aber das geht nicht, ich brauche diese Stunde einfach!“

Da bin ich fast hinten rüber gefallen. Knüller, diese Kids! Das ist so schön zu wissen, dass der ein oder andere für sich persönlich etwas aus diesen Stunden mitnimmt. Darauf hoffe ich immer, denn schließlich schenken mir die Kinder (wenn auch unfreiwillig durch die Schulpflicht) ihre Lebenszeit und ich versuche dieses Geschenk mit Respekt zu betrachten und für die kleinen das Beste daraus zu machen. Das gelingt natürlich nicht immer, aber immer öfter, denn die Kids bringen mir auch bei, wie ich sie motivieren, für Neues Wissen öffnen und die Persönlichkeit stärken kann.

Weitere Highlights aus meinem All-Tag findest du auf Instagram:

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